Dass das neue Buch Space Boy von Frank Schätzing polarisiert, war direkt nach dem Erscheinen klar. Im November besuchte ich die Veranstaltung der lit.Cologne mit Thorsten. Er hatte kurz vorher Geburtstag und als bekennender Bowie-Fan dachte ich, die Lesung wäre eine gute Idee als Geschenk. Und so saßen wir im Publikum und hörten das Gespräch zwischen Moderatorin und Frank Schätzing. Er las wenig aus dem Buch, dafür erzählte er viel über seine Kind- und Jugendzeit und wie er David Bowie als seinen „Seelenverwandten“, Zitat Schätzing, erkannte.
Die Lesung war weniger Lesung, mehr Gespräch, eingebunden in verschiedene Film- und Fotovorführungen, die Schätzings Leben, zum Teil auch Bowies, illustrierten. Eine für mich neue Art von Lesung, die uns jedoch hervorragend unterhielt, wenn auch mit gemischten Gefühlen zurückließ. Mochte ich Frank Schätzing danach oder nicht? Meine Sympathie flog ihm nicht unmittelbar zu, doch mein Wunsch, seine Sicht der Dinge, sein Leben eigenständig zu „erlesen“ war geboren.
Ich kaufte das Buch, wir ließen es selbstverständlich signieren und fuhren nach Hause, waren gespannt auf seine Worte. Schon in meinem Monatsrückblick November kündigte ich an, dass Space Boy auf meiner Leseliste steht, jetzt im März haben wir beide die knapp 400 Seiten durch. Thorsten las zuerst, ich danach, getrennt voneinander notierten wir unsere Gedanken. Anmaßung oder nicht? Unsere Meinungen tun wir hiermit kund.

Frank Schätzing Space Boy ‒ ein Buch, zwei Perspektiven
Ein Abend bei der lit.Cologne, ein signiertes Buch und viele offene Fragen:
Wie nah kommt Frank Schätzing seinem Idol David Bowie wirklich?
Thorsten und ich haben Space Boy unabhängig voneinander gelesen und unsere Eindrücke festgehalten.
Für den einen ein stark geschriebener, aber eher fiktionaler Blick auf Bowie. Für mich eine dichte Mischung aus Autobiografie, Recherche und der Suche nach kreativer Freiheit.
Thorsten K.: Meine Meinung
In freudiger Erwartung habe ich das neue Buch von Frank Schätzing „SPACE BOY ÜBER DAVID BOWIE. ÜBER MICH“, gelesen. Vorweg sei erwähnt, dass dieses Buch, wie bei Herrn Schätzing zu erwarten war, exzellent geschrieben und eine Freude ist, seinen Wort- und Satzkonstruktionen zu folgen.
Erwartete ich, als langjähriger David Bowie Fan, weitere biographische Erkenntnisse über den Ausnahmekünstler David Bowie, so musste ich für mich feststellen, dass es sich eher um einen Roman und eine fiktive Person handelt, weniger um eine faktenbasierte biographische Darstellung.
Herr Schätzing äußert mehrfach Vermutungen, über Hintergründe der Handlungen seitens David Bowie, die er aus meiner Sicht nicht mit den nötigen Quellen hinterlegt; zumal er nach eigener Aussage David Bowie nie persönlich gesprochen oder gar getroffen hat.
Wir alle wissen, dass David Bowie ein Künstler in verschiedenen Rollen, Genres und Musikstilen war, der sich ständig neu erfand und im Laufe seiner Karriere nie in alten Rollen verharrte. Mir ist nicht bekannt, dass er wirklich jemals seine konkrete Motivation und Hintergründe offengelegt hat. Vielmehr war die Verwandlung als auch seine sexuelle Orientierung ein Mysterium, was für mich diesen Künstler so einzigartig sein lässt.
Herr Schätzing versucht, in seinem Buch Erklärungen für diese Verwandlung zu finden, was an sich nicht schlimm ist, hinterlässt aber beim Leser den Eindruck, er hätte von David Bowie selbst diese Erklärung erhalten. Ich persönlich finde es schwierig, mit der Aussage „Wir sind Seelenverwandte“ Erklärungen über Verhaltensweisen anderer Menschen abzuleiten, bzw. eigene Interpretationen als gegebene Wahrheit darzustellen.
Ich bleibe dabei, ein gutes Buch, gut zu lesen. Aber aus meiner Sicht bleibt sein Buch ein Roman, der den ausgeprägten Fantasien von Herrn Schätzing entspringt. Als solches gelesen, genau wie der Schwarm oder andere Meisterwerke, eine lesenswerte Lektüre.

Gabi Kremeskötter: Meine Meinung
Nur sechs Tage habe ich für die 394 Seiten von Frank Schätzings Buch „Space Boy“ gebraucht. Trotz der Kürze der Zeit war es für mich kein Pageturner, eher ein Werk, dass ich mir in Etappen, häppchenweise, einverleibt habe. Woran hat das gelegen? Zeit und Gelegenheit waren nicht der Grund.
Schätzing ist ein Sammler und Rechercheur erster Güte. Was hat er alles zusammengetragen, aufgelistet und in eine Form gepackt, die meine Aufnahmefähigkeit immer wieder sprengte! Wenn ich ein Buch lese, will ich ihm folgen können, verstehen und zuordnen. Ich brauchte schlichtweg Zeit „dazwischen“, um das Wesentliche sacken und halbwegs verarbeiten zu können.
Ich bin keine Musikkennerin, aber mag David Bowie
Vielleicht sollte ich direkt am Anfang klarstellen: Ich bin kein ausgesprochener Bowie-Fan, habe seine Hits natürlich gehört, danach getanzt, mir über den Künstler dahinter jedoch nie Gedanken gemacht, geschweige denn seinen Werdegang, sein Leben verfolgt.
Auch bin ich keine Musikkennerin. Ich mag Musik, höre Musik, jedoch ist meine Leidenschaft das Wort. War es immer. Ich könnte auf Musik verzichten, niemals jedoch auf das geschriebene und gelesene Wort!
Mich hat daher das Ausmaß an musikalischen Details teilweise überfordert. Plattennamen, Titel, Musikstile, Begrifflichkeiten, Musiker, Jahreszahlen, Orte, andere Personen, dies allesamt in David Bowies Leben verwoben: für mich unbekanntes Neuland; Informationen, die in ihrer Masse von mir nicht bleibend zu erfassen, zu merken waren. Musikalischer Informations-Overflow literarisch verpackt sozusagen 😉
Meine Fragestellung beim Lesen von Space Boy
Darum habe ich mich mit meinem Gefühl dem Buch genähert, mir während des Lesens immer wieder gefragt: Was fühlt sich für mich stimmig an, was ehrlich authentisch, nachvollziehbar aus der Sicht eines Heranwachsenden betrachtet? Wo könnte sich eine gewisse Überhöhung des Schriftstellers zeigen, wann maßt er sich womöglich an, ein wahrer Seelenverwandter von David Bowie zu sein?

Setzt Frank Schätzing sich mit David Bowie gleich?
Um diese Frage vorweg zu beantworten, meine Antwort darauf lautet: Nein. Ich bin nicht der Meinung, dass Schätzing sich mit Bowie gleichsetzt, gefühlte Seelenverwandtschaft hin oder her. Der Autor lässt niemals im Unklaren, dass die einzelnen Etappen seines Lebens zwar Parallelen, und zwar sehr deutliche!, mit denen Bowies aufweisen, seine erkannte Seelenverwandtschaft jedoch einseitig von Schätzing ausgeht.
… und wenn wir ernsthaft glauben, dass sie uns verstehen, haben sie nur unseren inneren Monolog in Gang gesetzt.
Frank Schätzing, Space Boy, Seite 25; Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage 2025
Weiter hinten im Buch schreibt er selbst, dass diese Parallelen, zumal Schätzing und Bowie zehn Jahre Alter trennen, darin bestehen, dass Schätzing Bowie nacheifert, sich von Entwicklungen des späteren Popidols, Kultikone und Kunstfigur David Bowie inspirieren lässt und so letzten Endes zu sich selbst findet.
Bowie hatte nichts in mir freigesetzt, das nicht schon dort angelegt war. Aber durch ihn erkannte ich es. Er zeigte mir ein Reich der Möglichkeiten, von dessen Existenz ich keine Ahnung gehabt hatte, und gab mir den Mut, es zu betreten.
Frank Schätzing, Space Boy, Seite 379; Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage 2025
Womit untermauert Schätzing seine Statements in Bezug auf Bowie?
Diese Frage war für mich sehr interessant, auch ihr wollte auf den Grund zu gehen. Was behauptet er, über David Bowie zu wissen, was ist Vermutung oder eindeutig belegt?
Obwohl der Autor sehr detailreich Quellen wie Autobiographien anderer Personen, Interviews und Aussagen von Bowie lebenslang begleitender Personen aufzeigt und zitiert, bleiben viele Aussagen Schätzings über Bowie unbelegt.
Einzeln für sich genommen wirken sie wie Feststellungen, Tatsachen. Doch möchte ich darauf hinweisen, dass Space Boy die Autobiographie Schätzings ist, nicht der Motivation gewidmet, eine 1:1 Nacherzählung David Bowies Leben zu sein.
Vielmehr ist und bleibt Schätzing ein Geschichtenerzähler. Der eigene Gedanken in literarischer Gewohnheit äußert. Feststellt, behauptet und damit in gedruckter Form die Diskussion eröffnet. Als wortgewandter Autor ist das durchaus Schätzings Recht. Gedanken Wort werden lassen und ja, sich auch dem Risiko des Widerspruchs auszusetzen.
Somit werte ich alle unbelegten Passagen als künstlerische Freiheit, die ein Roman eben hergibt. Ich sehe weder eine Anmaßung noch Überhöhung des Autors gegenüber Bowie. Lediglich die Erklärung des eigenen Lebenswegs, der inspiriert, ermöglicht und begleitet durch die einmalige, unsterbliche Kunst des David Bowie und somit Schätzings Bild von sich selbst zeichnet.
Und wenn Schätzing GLAUBEN will, dass seine Seele mit der Bowies verwandt ist, bedeutet der Umkehrschluss nicht, dass Bowies Seele mit Schätzings verwandt ist. Über allem steht, in der Musik, der bildenden Kunst, jeglicher Performance und Literatur, am Ende die Interpretation. Und die ist rein persönlich. Angreifbar, widerlegbar. Eine Meinung unter vielen. So wie meine.
Was ich aus Space Boy für mich mitnehme
Schätzing gelingt durch die Erzählung ihrer Parallelen eine spannende Melange. Kindheitserlebnisses des Autors spiegelt er mit Bowies Errungenschaften, Experimenten, Rollenwechseln. „Wir sind viele!“, lautet die Erkenntnis, die Schätzing verinnerlicht. So wie sein Idol erkennt auch Schätzing, dass er sich nicht festlegen will, nicht nur einer Sache nachjagen will. Musik oder Zeichnen, Schreiben oder Werbetexter sein ‒ er jongliert mal diesen, mal jenen Ball, ohne einzusehen, dass er sich beschränken muss.
Womöglich liegt genau darin die wichtigste Erkenntnis, die alle Kreativen irgendwann fassen: Wir sind viele! Jeder von uns hat Talente in sich verborgen, die entdeckt werden können, wenn wir hinsehen. Wenn wir uns trauen und diese eigene, innere Schatzkiste öffnen.
Der eine, wie Bowie, schafft das aus eigener Kraft, weil die innere Energie, die Lust, der Ruf der Kreativität, ihm schlichtweg keine andere Wahl lässt, weil sie raus will, ins Leben und die Welt.
Der andere, wie Schätzing, braucht einen Anstoß von außen, einen Erweckungsmoment, der ihm seine Möglichkeiten aufzeigt, dem inneren Drängen eine Stimme verleiht, die hörbar und immer lauter wird.
Space Boy wird nicht mein letztes Buch gewesen sein, das ich von Schätzing lese. Soviel steht fest. Mein Lieblingszitat ist übrigens dieses hier:
… wir allein für Sinn und Wert verantwortlich sind, keine herbeifantasierten Instanzen und Idole. Es bedeutet Freiheit, und Freiheit kann verflucht anstrengend sein. Man muss sie schütze. Für sie kämpfen. Gewissheiten für sie aufgeben. Loslassen können. Vergangenes. Götter. Idole. Die Toten. Laufen lernen. Sein Leben in die Hand nehmen und seine Freiheit nutzen.
Frank Schätzing, Space Boy, Seite 371; Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage 2025
Mit Liebe.
Und du? Hast du das Buch schon gelesen? Wenn ja, interessiert mich auch deine Meinung!
Mit neugierigen Grüßen
Gabi