Lektorat: Streiche „beinahe“ aus deinem Manuskript

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Schreibende Frauenhände auf einer Laptop-Tastatur. Darüber der Text: Lektorat: Streiche "beinahe" aus deinem Manuskript

Beim Schreiben eines Textes fließen auch bei mir zunächst die Worte in die Tastatur oder meinen Notizblock – eins zu eins so, wie ich denke. Und das ist auch gut so. Denn nur dann, wenn ich mich nicht an Richtig oder Falsch, gut formuliert oder nicht orientiere, falle ich in den sogenannten Schreibflow. Ich denke nicht weiter über das nach, was aus mir heraus will, sondern schreibe, schreibe, schreibe.

Erst wenn dieser erste Schwall an Worten seinen Weg aufs Papier gefunden hat, beginnt etwas anderes: die Überarbeitung. Eine erste Runde. Vielleicht eine zweite. Und spätestens bei der dritten steht ein Wort oft plötzlich wie ein kleines Warnschild am Wegesrand meines Textes: „Beinahe.“

Ein harmloses Wort auf den ersten Blick. Fast unsichtbar. Und doch eines, das einem Text oft die Kraft nimmt. Warum und welche Wirkung dieses Adverbs in einem Text erzielt, beleuchte ich in meinem folgenden Blogartikel.

Lektorat: Streiche „beinahe“ aus deinem Manuskript

Das Wort „beinahe“ schwächt Spannung oft mehr, als es sie aufbaut.

-> Leser:innen erleben Szenen intensiver, wenn du Handlung konkret zeigst statt andeutest.
-> Formulierungen mit „beinahe“ bleiben häufig folgenlos und schaffen Distanz.
-> Eine gezielte Überarbeitung hilft dabei, blasse Stellen im Manuskript lebendiger zu machen.

Wenn du „beinahe“ bewusst prüfst, schreibst du künftig klarere und stärkere Texte.

Das Adverb „beinahe“

Das Wort „beinahe“ (synonym zu fast) ist ein Adverb, also ein Umstandswort. Es beschreibt, dass etwas sehr nah an eine Handlung oder einen Zustand herankommt, diesen aber nicht vollständig erreicht.

Im Alltag benutzen wir das ständig:

„Ich hätte beinahe den Bus verpasst.“
„Sie wäre beinahe zu spät gekommen.“

Das funktioniert. Im Gespräch. Im Leben. In Geschichten allerdings lohnt sich ein zweiter Blick.

Welche Wirkung erzeugt „beinahe“ in einem Text?

„Beinahe“ verspricht Spannung und zieht sie im selben Moment wieder zurück. Denn entweder etwas geschieht oder es geschieht nicht! Dazwischen liegt oft nur ein dünner Schleier aus Vorsicht.

Viele Autor:innen greifen zu „beinahe“, weil es dramatisch klingt. Die Figur wäre beinahe gestürzt, beinahe entdeckt worden, beinahe gestorben. Doch häufig bleibt davon wenig übrig. Die Gefahr steht kurz im Raum – und verschwindet sofort wieder wie Nebel im Morgenlicht.

Wenn du Spannung erzeugen willst, zeige den tatsächlichen Fortgang der Handlung! Das ist ehrlicher. Und wirkungsvoller. Denn so lässt du deine Leser:innen unmittelbar am Geschehen teilhaben, statt sie vor unvollendete Tatsachen zu stellen.

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Frau vor Efeuwand schaut durch das Fingerloch ihrer rechten Hand und lächelt

Drei Beispiele für den Gebrauch von „beinahe“

Schauen wir uns das an drei Beispielen an:

Beispiel 1: Über das Stürzen

Schwächer:
Sie wäre beinahe gestürzt.
➜ Die Gefahr bleibt folgenlos.

Stärker:
Sie stolperte, fing sich im letzten Moment am Geländer.
➜ Die Szene lebt.

Hier passiert etwas. Der Körper gerät aus dem Gleichgewicht. Die Bewegung wird sichtbar. Wir erleben den Moment mit.

Beispiel 2: Über eine Entdeckung

Schwächer:
Er wäre beinahe entdeckt worden.

Stärker:
Die Türklinke bewegte sich. Er presste sich hinter den Schrank und hielt den Atem an, bis die Schritte verklangen.

Plötzlich entsteht Spannung nicht durch Behauptung, sondern durch Handlung.

Beispiel 3: Über das Weinen

Schwächer:
Sie hätte beinahe geweint.

Stärker:
Ihre Stimme brach ab. Sie blinzelte hastig und strich sich über die Augen, als könne niemand sehen, was sich darin sammelte.

Gefühle wirken stärker, wenn wir sie erleben können, statt nur erzählt zu bekommen.

Ausnahmen und eine wichtige Frage zu „beinahe“

Natürlich gibt es Ausnahmen. Nicht jedes „beinahe“ muss gnadenlos gestrichen werden. Manchmal gehört es bewusst zum Ton oder zur Figur.

Doch wenn sich dieses Wort in deinem Manuskript häuft, lohnt sich eine Frage: Will ich erzählen, was fast passiert ist – oder zeigen, was wirklich geschieht? Denn genau dort beginnt oft die Magie eines lebendigen Textes.

Mein kleiner Lektorats-Tipp für dich

Suche in deinem Manuskript gezielt nach dem Wort „beinahe“ (und auch nach „fast“). Lies jede Stelle aufmerksam und frage dich: Kann ich diesen Moment konkreter, lebendiger, näher erzählen? Oft wartet genau dort mehr Spannung, als du zunächst vermutet hast.


Diesen und weitere Tipps aus meinem Lektorat habe ich in einem Übersichtsartikel zusammengefasst, schau auch da hinein und überarbeite Schritt für Schritt deinen Text!

Und wenn du dir bei deinem Manuskript eine zweite, sorgfältige Sicht von außen wünschst: Als Lektorin und Korrektorin unterstütze ich dich dabei, Stolperstellen sichtbar zu machen, Sprachbilder zu schärfen und deinen Text in seine stärkste Form zu begleiten.

Denn manchmal braucht es nur einen klaren Blick von außen, damit Worte schneller Resonanz finden. Hier findest du mein Angebot:

Mit KREativen Grüßen

Gabi


Lächelnde Frau vor Efeu-Wand mit einem Notizbuch in der Hand, darauf der Claim "Liebe, die durch Worte strahlt"

Gabi Kremeskötter

Liebe, die durch Worte strahlt

Freie Rede – Schreibworkshops – Lektorat


Von Gabi Kremeskötter

Geb. 1966 in Pinneberg, wohnhaft in D-56841 Traben-Trarbach/Mosel/Rheinland-Pfalz, Dozentin für KREatives Schreiben, Lektorin & Korrektorin, Freie Rednerin für Trauungen, Kinderwillkommensfeste und Trauerfeiern, Autorin Juli Norden. Mehr zu mir und meinem Schaffen findest du auf meiner Über-mich-Seite.

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