Lektorat: Warum konkrete Verben oft besser sind als „versuchen“

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Schreibende Frauenhände auf einer Laptoptastatur, darüber der Schriftzug: "Lektorat: Warum konkrete Verben of besser sind als "versuchen"

In meiner Arbeit als Lektorin und Korrektorin fallen mir immer wieder Formulierungen auf, in denen Protagonistinnen oder andere Figuren „etwas versuchen“. Das Verb versuchen ist dabei oft fehl am Platz. Denn hinter jedem Versuch steckt bereits eine Handlung: ein Tun, ein Machen. Genau diese beiden Ebenen auseinanderzuhalten, gehört zu einem wichtigen Teil meiner Arbeit. Denn wenn aus einem Versuch eine konkrete Handlung wird, entsteht Tiefe. Figuren handeln sichtbar. Szenen gewinnen an Spannung. Was ich damit meine, zeige ich dir anhand einiger Beispiele.

Lektorat: Warum konkrete Verben oft besser sind als „versuchen“

Das Verb „versuchen“ wirkt in Manuskripten oft wie ein Schleier zwischen Figur und Handlung.
Leser:innen erfahren dann, dass etwas beabsichtigt wird, erleben aber nicht, wie es geschieht.
Häufig entsteht mehr Tiefe, wenn du den Versuch durch eine konkrete Handlung ersetzt. Statt „Sie versuchte, die Tür zu öffnen“ schreibe, was wirklich passiert: Drückt sie die Klinke, rüttelt sie am Schloss oder gibt sie auf?
Gleichzeitig ist „versuchen“ nicht grundsätzlich falsch. Das Wort darf bleiben, wenn Unsicherheit, Scheitern oder inneres Ringen Teil der Szene sind.
Im Lektorat lohnt deshalb immer die Frage: Erzählt „versuchen“ etwas Wichtiges, oder versteckt es nur eine Handlung?

Warum „versuchen“ oft Wirkung nimmt

Das Wort „versuchen“ ist ein heimlicher Spannungsdieb. Denn es kündigt eine Handlung an, zeigt sie aber nicht. Für die Leser:innen bleibt offen: Was tut die Figur konkret? Wenn wir eine Geschichte in den Händen haben, wollen wir die Handlung erleben können statt sie nur angekündigt zu sehen!

Wir möchten nicht durch eine milchige Scheibe das Verhalten erahnen, sondern klar und deutlich vor uns sehen. „Versuchen“ verhindert den Blick, denn wir ahnen zwar etwas, lesen dies jedoch nicht aus den Worten heraus.

Vier Beispiele: Versuch oder echte Handlung?

Schau dir die folgenden Beispiele an, du wirst sicher direkt den Unterschied erkennen:

Beispiel 1: Eine Handlung konkret machen

Schwach: Sie versuchte, die Tür zu öffnen.

Frage an den Text: Was genau tut sie? Drückt sie die Klinke? Stemmt sie sich dagegen? Ist die Tür verschlossen?

Stärker: Sie öffnete die Tür. Oder, wenn Widerstand wichtig ist: Sie drückte die Klinke herunter und rüttelte am Schloss. Es gab nicht nach.

Beispiel 2: Gefühle sichtbar machen

Schwach: Er versuchte, ruhig zu bleiben.

Das Problem: Wir sehen keine Handlung.

Stärker: Er presste die Lippen aufeinander. Seine Finger trommelten gegen die Tischkante, doch seine Stimme blieb ruhig.

Jetzt erleben wir das Ringen unmittelbar.

Beispiel 3: Konflikt mit mehr Spannung

Schwach: Sie versuchte, ihn zu überzeugen.

Frage an den Text: Wie genau denn? Der Satz bleibt abstrakt.

Stärker: „Bitte hör mir zu“, sagte sie und schob ihm die Unterlagen hin. Ihre Stimme wurde leiser. „Du machst gerade einen Fehler.“

Hier zeigt sich die Handlung – und zugleich Emotion.

Beispiel 4: Körperliche Handlung konkret machen

Schwach: Er versuchte aufzustehen.

Das Problem bei dieser Formulierung: Sie kann sinnvoll sein, aber nur, wenn das Scheitern wichtig ist.

Wenn das Gelingen zählt: Er stand auf.

Wenn der Kampf zählt: Er stemmte die Hände in die Matratze und richtete sich Zentimeter für Zentimeter auf. Der Schmerz zog durch seinen Rücken.

Hier wird versuchen plötzlich sinnvoll: Weil das Ringen Teil der Szene ist.

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Frau vor Efeuwand schaut durch das Fingerloch ihrer rechten Hand und lächelt

Die Ausnahme: Wann „versuchen“ genau richtig ist

Verwende „versuchen“ nur dann, wenn Unsicherheit, Scheitern oder inneres Ringen im Textzusammenhang wichtig sind! Wenn der Ausgang offen bleibt, darf das Wort seinen Platz haben. Nicht jeder Versuch muss verschwinden, aber jeder sollte eine Aufgabe erfüllen.

Denn manchmal erzählt das Wort versuchen genau das, worauf es in einer Szene ankommt: nicht das Tun selbst, sondern den Kampf dahinter zeigen.

Bespiel 1: Wenn Scheitern möglich oder sogar wahrscheinlich ist

Manchmal lebt eine Szene gerade davon, dass etwas misslingen könnte.

Beispiel: Sie versuchte, den schweren Schrank allein zu verschieben.

Hier schwingt bereits Widerstand mit. Würde dort stehen „Sie verschob den Schrank“, wäre die Spannung sofort weg. Der Versuch zeigt: Hier steht etwas auf dem Spiel.

Beispiel 2: Wenn inneres Ringen sichtbar werden soll

Nicht jede Handlung passiert mühelos. Besonders emotionale Szenen gewinnen, wenn wir spüren, wie sehr eine Figur mit sich kämpft.

Beispiel: Er versuchte, die Tränen zurückzuhalten.

Das Wort versuchen erzählt hier etwas über seinen inneren Zustand. Es macht deutlich: Die Kontrolle gerät ins Wanken.

Beispiel 3: Wenn das Ergebnis bewusst offen bleiben soll

Manchmal möchtest du als Autorin oder Autor eine kleine Tür offen lassen. Deine Leserschaft soll noch nicht wissen, ob etwas gelingt.

Beispiel: Sie versuchte, ihn per Telefon zu erreichen.

Hier entsteht eine Frage im Raum: Geht er ran? Ist das Handy aus? Legt sie wieder auf? Genau diese Schwebe kann dramaturgisch sinnvoll sein.

Beispiel 4: Wenn Hilflosigkeit oder Begrenzung gezeigt werden sollen

Ein Versuch kann auch zeigen, dass eine Figur an ihre Grenzen stößt.

Beispiel: Er versuchte, sich an ihren Namen zu erinnern.

Der Satz erzählt nicht nur Handlung, sondern auch Überforderung, Vergessen oder vielleicht sogar Angst.

Was du dich immer fragen solltest, wenn „versuchen“ in deinem Text auftaucht

Die bessere Frage bei der Textüberarbeitung und bei mir im Lektorat lautet deshalb nicht: Darf hier „versuchen“ stehen? Sondern: Erzählt dieses Wort etwas Wichtiges, oder versteckt es nur eine Handlung?

Und um Missverständnissen vorzubeugen: Oft verbirgt sich hinter versuchen kein schlechtes Schreiben, sondern die Unsicherheit der Autorin oder des Autors. Das Wort übernimmt dann die Funktion eines Sicherheitsnetzes. Die Verfasserin traut sich schlichtweg nicht, eine klare Handlung zu formulieren oder hat kurzzeitig den Blick darauf verloren, was sie sich beim Schreiben vorstellt, die Lesenden jedoch nicht wissen können.

Genau deshalb lohnt sich beim Überarbeiten dein prüfender Blick. Frage dich beim Überarbeiten: Zeige ich eine Handlung – oder kündige ich sie nur an? Oft reicht ein genaueres Verb, damit aus einem Satz eine Szene wird.


Und nun bist du dran! Schnapp dir dein aktuelles Manuskript und nutze die Suchfunktion deines Schreibprogramms. Tippe „versuchen“ ein und überprüfe jede Textstelle, in der es vorkommt. Stelle dir dabei meine oben empfohlenen Fragen und erlebe selbst, welche Wirkung du mit der Überarbeitung erzielst. Dein Text wird tiefer, erlebbarer und damit qualitativ besser!

Und wenn du darüberhinaus eine objektive Textbeurteilung brauchst, melde dich gern! Ich biete verschiedene Lektorats- und Korrektorats-Dienstleistungen an, ich freue mich auf deine Anfrage!

Ich freue mich auf deine Nachricht!

Mit KREativen Grüßen
Gabi.


Lächelnde Frau vor Efeu-Wand mit einem Notizbuch in der Hand, darauf der Claim "Liebe, die durch Worte strahlt"

Gabi Kremeskötter

Liebe, die durch Worte strahlt

Freie Rede – Schreibworkshops – Lektorat


Von Gabi Kremeskötter

Geb. 1966 in Pinneberg, wohnhaft in D-56841 Traben-Trarbach/Mosel/Rheinland-Pfalz, Dozentin für KREatives Schreiben, Lektorin & Korrektorin, Freie Rednerin für Trauungen, Kinderwillkommensfeste und Trauerfeiern, Autorin Juli Norden. Mehr zu mir und meinem Schaffen findest du auf meiner Über-mich-Seite.

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