Vorbilder? Diese hier haben mich geprägt

Veröffentlicht am Kategorisiert als Persönliches
Frau sitzt auf Natursteinmauer, im Hintergrund das Moseltal bei Reil
Foto: Arne Houben

Ich bin weiteres Mal bei der Blognacht von Anna Koschinski dabei, heute präsentiert sie die bereits 70. Ausgabe dieses besonderen Blogformats. Vorbilder! Vorbilder? Habe ich welche und wenn ja, wie haben sie mich geprägt oder angetrieben? Dieser Frage werde ich heute Abend spontan nachgeben und schauen, welche Figuren zum Aufschauen sich in mir nach vorne drängen.

Allen voran: Meine Eltern

Ich bin in keinem reichen Haushalt großgeworden, eher bescheiden in einer Mehrzimmerwohnung, doch stets behütet, emotional begleitet und mit großem Vertrauen ausgestattet. Meine Eltern machten möglich, was ihnen möglich war und das war eine Menge.

Ich erinnere mich an eine Begebenheit: Mein Vater wollte mit meiner Mutter am Abend zu einer Siegesfeier einer Rallye, ja, er war in den End1960er bis 1970er Jahren aktiver Amateur-Rallyefahrer. Und jene Party fand in einer Kneipe statt, irgendwo in der Nähe unseres Wohnortes.

Mittags schnappte Papa sich uns Orgelpfeiffen, ich weiß nicht mehr, wie alt wir waren; klein genug auf alle Fälle, um nebeneinander auf einer Theke platziert zu werden. „Was wollt ihr trinken?“, fragte er und erteilte die Erlaubnis für Cola, Fanta oder Saft. „Hier feiern heute Abend eure Mama und ich, schaut euch alles genau an, dann wisst ihr, wo wir hinfahren, wenn ihr ins Bett geht.“

Ich fühlte mich wie eine Königin auf jener Theke und als meine Geschwister und ich tatsächlich später zu Hause blieben, war von Angst vor dem Alleinesein keine Spur. Ganz im Gegenteil. Das in uns gesetzte Vertrauen ließ uns selig entschlummern, unsere Eltern vertrauten uns, das wir keinen Blödsinn machen würden. Warum sollten wir auch?

Nicht nur in diesem Punkt waren meine Eltern mir Vorbild, auch meine eigenen Kindern zollte ich Respekt und Vertrauen. Sie sind inzwischen zu wunderbaren Menschen herangewachsen und glücklich in ihren Lebensverbindungen. Ich könnte weitere Anekdoten erzählen. Doch diese eine mag für die Vorbildfunktion meiner Eltern repräsentativ stehen. Danke, Mama und Papa 🙂

Älteres Paar in ihren 70igern an einem Tisch mit Essen, im Hintergrund eine Bruchsteinmauer
Mutsch (72) und Paps (77) in Traben-Trarbach 2010, nachdem sie mir wieder einmal bei einem Umzug geholfen hatten.

Meine ehemalige Chefin

In den Endneunzigern arbeitete ich, nachdem meine Kinder groß genug für den Kindergarten waren, halbtags in einem kleinen mittelständischen Unternehmen als kaufmännisch-technische Angestellte. Der Betrieb wurde von der ältesten Tochter des Firmengründers geleitet und mit Respekt und Bewunderung schaute ich zu ihr auf.

Sie war 17 Jahre älter und sehr erfahren, ließ jedoch niemals eine Hackordnung entstehen. Sie gab uns Angestellten stets das Gefühl, dass wir gleichrangig waren, auch wenn natürlich sie die wichtigen Entscheidungen traf. Jedoch erst nach Beratung, Diskussion und nötiger Analyse, bei ihr wurde jede Meinung gehört und ernst genommen.

Eine Sache habe ich von ihr, als ich familienbedingt fortzog, mitgenommen: Fehler passieren. Weil Menschen nun einmal Fehler machen. Sie zu verstehen, ist wichtiger, als den Schuldigen zu verurteilen, weil ihm etwas durchgerutscht ist. Stattdessen: Die Lösung angehen, nacharbeiten und die Strukturen verbessern, dass der gleiche Fehler nicht wieder passiert.

In solch einem Arbeitsumfeld werden Fehler erkannt und nicht vertuscht, kann Verantwortung, das für sie Einstehen gelernt und für das gesamte Unternehmen gewinnbringend übernommen werden. Ich denke und arbeite noch heute so.

Schreibtisch mit Bildschirm, Laptop und Unterlagen
Mein Arbeitszimmer im Obergeschoss meines Hauses. Homeoffice ist klasse!

Jede Frau, die gegen männliche Übergriffe kämpft

Ich bin keine Rebellin, habe Angst vor Aggression und provozierende Männlichkeit schreckt mich ab. Ich wurde missbraucht, psychologisch, emotional und auch körperlich. Damals. Als ich gefangen war in einem Ideal, einer allzu verständnisvollen, stets verzeihenden Frauenrolle, die mir glücklicherweise irgendwann zu eng wurde.

Ich selbst habe erst spät gelernt aufzubegehren, einzustehen für mich und meine Bedürfnisse. Nein zu sagen oder zumindest nicht Ja. Aus Angst vor Verlust, Zurückweisung, Angst vor dem Zerfall meiner selbstgewählten Verbindung.

Umso mehr bewundere ich heute die kämpferischen Frauen jeglichen Alters, die ihre Grenzen benennen, verteidigen und nicht (mehr) den Kopf einziehen. Die Zivilcourage zeigen, auch wenn sie körperlich unterlegen sind. Wir sind so viele, die Hälfte der Menschheit oder noch mehr, die sehr wohl das Recht für sich in Anspruch nehmen, dass ihre körperliche Unversehrtheit respektiert wird.

Mir ist bewusst, dass tätliche Übergriffe bis hin zum Mord tagtäglich geschehen. Allein im Jahr 2024 wurden in Deutschland 308 Frauen und Mädchen Opfer von vollendetem Mord, Totschlag oder fahrlässiger Tötung!

Und laut der neuesten polizeilichen Kriminalstatistik wurden im Jahr 2024 bundesweit rund 12.600 Frauen Opfer von erfasster Vergewaltigung, sexueller Nötigung und besonders schweren sexuellen Übergriffen. Dies macht einen Anteil von etwa 94 Prozent aller Opfer in diesem Deliktbereich aus, und die Dunkelziffer kommt noch hinzu.

Ist das nicht schändlich, furchtbar und untolerierbar? Mich machen diese Zahlen sprachlos und darum brauchen wir, trotz der intensiven Aufklärungsarbeit der letzten Jahre und Jahrzehnte, eine viel lautere Stimme. Nur ein Ja ist ein Ja! Ich hoffe sehr, dass die Gesetzgebung dem Prinzip „Nein heißt Nein“ (nach § 177 StGB) ganz bald die Grundlage entzieht.

Plakat der Aktion "Orange-Days", Hilfetelefon Nr. 116016, wählen bei Gewalt gegen Frauen
Plakat der Aktion Plakat „Orange-Days“, Gewalt gegen Frauen braucht Aufmerksamkeit

Puh, das kam jetzt sehr schnell und spontan aus mir heraus. Habe ich noch andere Vorbilder, die ich nach diesem dritten Punkt noch nennen könnte? Nein, denn ein stärkeres Vorbild, als für die Rechte der Menschlichkeit und Selbstbestimmung einzustehen, fällt mir an dieser Stelle nicht mehr ein.

Habe fertig. Ich danke Anna für ihren Impuls, der ein weiteres Mal für mich zu erstaunlichen Erkenntnissen geführt hat. Mir schreibend meinen Werten, meiner Haltung bewußt zu machen, gelingt und fasziniert mich gleichermaßen – jedes Mal wieder.

Gehabt euch wohl! Ich werde diesen Sommerabend nun ausklingen lassen, mit einem kühlenden Getränk in der Hand und dem Gefühl, dass wir alle es in der Hand haben, uns Vorbilder zu wählen, nach denen wir streben, die uns helfen, im Dschungel der Möglichkeiten den Weg der Liebe, des Vertrauens und ausgeglichenen Miteinanders zu finden.

Mit KREativen Grüßen

Gabi


Frau schaut durch Herzrebe, daneben steht "Liebe, die durch Worte strahlt"; Claim von Gabi Kremeskötter

Gabi Kremeskötter

Liebe, die durch Worte strahlt

Freie Rede Schreibworkshops Lektorat



Von Gabi Kremeskötter

Geb. 1966 in Pinneberg, wohnhaft in D-56841 Traben-Trarbach/Mosel/Rheinland-Pfalz, Dozentin für KREatives Schreiben, Lektorin & Korrektorin, Freie Rednerin für Trauungen, Kinderwillkommensfeste und Trauerfeiern, Autorin Juli Norden. Mehr zu mir und meinem Schaffen findest du auf meiner Über-mich-Seite.

7 Kommentare

  1. Liebe Gabi,
    herzlichen Dank für Deine Einblicke. Schön zu sehen, wo Du da eigentlich sitzt während der KREAtiv Abende.
    Deine Wertschätzung für Deine Vorbilder rührt mich sehr. Was für ein Geschenk, das erlebt zu haben.
    Und ja, der Kampf gegen Gewalt gegen Frauen bleibt im Moment sehr präsent.
    Nein ist ein ganzer Satz und viele Verstehen den nicht. Übrigens auch Frauen.
    Die Zahlen sind erschreckend.
    Herzlichen Dank. Liebe Grüße Martina

    1. Liebe Martina,
      danke für deine Zeilen!
      Das Foto zeigt meinen Angestelltenschreibtisch bei mir im Homeoffice,
      abends sitze ich in meinem Wohnzimmer am Esstisch, da bin ich deutlich KREativer, lach.
      Vielleicht werde ich bei nächster Gelegenheit diesen Platz einmal fotografieren und in einen Blogartikel einbauen;-)
      Ich freue mich, dass wir uns gestern gesehen haben und Ja: Gut, dass der Kampf gegen Gewalt sehr präsent ist, das muss er auch, solange sie herrscht …
      Viele liebe und KREative Grüße
      Gabi

  2. Liebe Gabi,
    schön, dasz wir uns mal gesehen haben gestern – ich war ja auch ganz fix weg und nachher nicht nochmal anwesend.
    Du hast kluge Eltern, alle Achtung! Ich erlebte das Gegenteil: die ständige Drohung, wegzugehen und nie mehr wiederzukommen.
    Auch eine Chefin, die andere Frauen unterdrückte, um selbst die Mächtige zu sein. Seitdem mochte ich in reinen Frauenbetrieben nie mehr arbeiten –
    Was ist das für eine tolle grosze Pflanze dort im Raum? Soviel Grün gefällt mir!
    Morgenkühle Grüsze für ein entspanntes WE
    Mascha

    1. Liebe Mascha,
      ja, die Pflanze ist in den nunmehr 16 Jahren, die ich sie in meinem Arbeitszimmer stehen habe, mächtig gewachsen.
      Und seit ein paar Jahren blüht sie sogar, ich weiß nur gar nicht genau, was für eine sie ist.
      Zwar hat sie auch ein paar klebrige Untermieter, die ich regelmäßig abwasche, aber irgendeinen Winkel behalten die kleinen Blattbesetzer doch immer noch für sich, lach. Das ist die Natur!
      Schlimm, wie du groß werden musstest, das tut mir sehr leid für dich, doch du bist dem entwachsen und führst nun selbstbestimmt dein Leben.
      Respekt!
      Herzliche Grüße
      Gabi

  3. Hallo Gabi!
    Wow, das ist aber ein starker Blognachtbeitrag!
    Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen außer gedanklichem Applaus.
    Und deine Eltern sind wirklich klasse, ich wünschte, die heutigen Mamas und Papas würden dem ein bisschen nacheifern und ihren Kindern ein Grundvertrauen beibringen.
    War schön, dich gestern zu sehen!

    Liebe Grüße aus dem Mausloch
    Sabine

    1. Liebe Sabine,
      herzlichen Dank für deinen in Worte gefassten Applaus!
      Wir sind viele und dürfen nicht aufhören, auf die Übel unserer Welt aufmerksam zu machen!

      Urvertrauen ist wohl das allerwichtigste – auch dafür aufzustehen und Rechte zu verteidigen! – das Eltern ihren Kindern mitgeben können,
      ich sehe, dass das in meiner Familie bereits in die nächste Generation tröpfelt 🙂

      Herzliche Grüße
      Gabi

  4. Liebe Gabi
    Ich sehe dich vor meinem geistigen Auge auf der Theke sitzen, eine Glas Cola in der Hand und ein Grinsen im Gesicht. Ein wundervoller Moment. Und wahrscheinlich hat du die Lust am Motorrad fahren von deinem Vater geerbt.
    Wir Frauen sind die Hälfte der Menschheit u d der Gesellschaft und wir müssen immer noch für unsere Rechte und Gleichberechtigung kämpfen. Da ist jede Frau, die dafür aufsteht, ein Vorbild.
    Vielen Dank für diesen Artikel.
    Liebe Grüße, Birgit

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