Lektorat: Raus aus der Dürferitis – warum „können“ so viel stärker ist

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schreibende Frauenhände auf Laptoptastatur, darüber der Schriftzug: "Lektorat: Raus aus der Dürferitis - warum "können" so viel stärker ist

Wir kennen das alle aus der Achtsamkeitslehre: Wir dürfen uns frei machen. Wir dürfen uns Zeit nehmen. Wir dürfen zu uns selbst stehen. Diese Liste ließe sich mühelos fortsetzen, Beispiele gäbe es noch und nöcher.

Mich nervt das. Ja, dazu stehe ich.

Als Lektorin kommen mir Formulierungen mit „dürfen“ sehr häufig auf den Bildschirm. Und jedes Mal frage ich mich: Warum nutzt die Autorin, der Autor dieses Verb und signalisiert damit das Einholen einer Erlaubnis? Warum machen wir uns sprachlich kleiner, als wir sind?

Können ist doch viel stärker.

Lektorat: Raus aus der Dürferitis – warum „können“ so viel stärker ist

„Dürfen“ signalisiert eine Erlaubnis von außen, „können“ eine Fähigkeit von innen. Wer ständig „ich darf“ sagt, macht sich sprachlich kleiner, als er ist. Gabis Artikel zeigt, warum „können“ das stärkere Verb ist – und wann „dürfen“ trotzdem die richtige Wahl bleibt.

Gabis Tipps aus dem Lektorat helfen dir, dein Manuskript klarer, lebendiger und spannender zu machen – damit Leser direkt eintauchen und deine Geschichte genießen können.

Die Sache mit der Erlaubnis

„Dürfen“ beschreibt im Kern eine Erlaubnis, die von außen kommt. Jemand oder etwas gestattet mir etwas. Das mag eine Autorität sein, eine Regel oder eine Instanz, die über mir steht. Das ist grammatikalisch korrekt und in vielen Kontexten völlig legitim.

Aber genau das ist das Problem, wenn wir im Grunde Selbstermächtigung ausdrücken wollen: Dein „Ich darf mir Zeit nehmen“ verortet die Entscheidungsgewalt unbewusst außerhalb von dir selbst. Als bräuchtest du eine Genehmigung, um für dich selbst zu sorgen.

„Können“ dagegen beschreibt eine Fähigkeit, eine innewohnende Möglichkeit. Es kommt von innen. Niemand muss mir erlauben, etwas zu können: Ich kann es einfach, weil ich die Fähigkeit dazu habe.

Der Unterschied ist subtil, aber er hat Gewicht. Sprache formt Denken, und wer sich ständig erlauben muss, statt einfach zu können, bleibt in einer Haltung der Bittstellerin oder des Bittstellers gefangen.

Beispiele: Dürfen vs. Können

Dürfen (Erlaubnis von außen)Können (Fähigkeit von innen)
Ich darf auf mich achten.Ich kann auf mich achten.
Ich darf Nein sagen.Ich kann Nein sagen.
Ich darf Fehler machen.Ich kann aus Fehlern lernen.
Ich darf glücklich sein.Ich kann mein Glück selbst gestalten.
Ich darf loslassen.Ich kann loslassen.
Ich darf für mich einstehen.Ich kann für mich einstehen.

Du merkst die Wirkung beim Lesen unmittelbar: Die rechte Spalte vermittelt Handlungsfähigkeit. Die linke Spalte klingt, so wohlmeinend sie auch gedacht ist, immer ein bisschen nach Zugeständnis.

Die Ausnahme: Wenn „dürfen“ genau richtig ist

Sprache ist nie schwarz-weiß, und die Dürferitis pauschal zu verteufeln, würde ihr nicht gerecht. Wir kennen Situationen, in denen „dürfen“ nicht Schwäche, sondern Wertschätzung ausdrückt.

Ein Beispiel aus dem Schulalltag

Schüler:innen fragen sich häufig: „Warum müssen wir das?“ Und genau hier ist von Lehrer:innenseite oft das weichere „Weil ihr das dürft!“ angebracht. Denn Bildung ist nach wie vor ein Geschenk, kein Zwang, dem man sich unterwerfen muss.

Wer einem Kind sagt: „Du darfst lernen“, rückt das Lernen aus der Pflicht-Ecke heraus und verleiht ihm den Charakter eines Privilegs. Zu Recht, denn Bildung ist weltweit alles andere als selbstverständlich!

Hier zeigt sich: „Dürfen“ ist nicht per se das schwächere Verb. Es kommt darauf an, wovon die Rede ist.

Möchtest du selbstbestimmtes Handeln ausdrücken, ist „können“ die stärkere, ermächtigendere Wahl. Geht es dir jedoch um ein Geschenk, eine Chance, einen Zugang, den wir nicht für selbstverständlich nehmen sollten, kann „dürfen“ die treffendere, wertschätzendere Wahl sein.

Mein Fazit zur Dürferitis

Der meiner Meinung nach inflationäre Gebrauch von „dürfen“, den ich Dürferitis nenne, ist kein grammatikalischer Fehler: Sie ist eine sprachliche Gewohnheit, die uns, bzw. die Protagonist:innen deiner Geschichte, oft schwächer dastehen lässt, als wir sind. Wo wir eigentlich unsere Fähigkeit betonen könnten, verstecken wir uns sprachlich hinter einer Erlaubnis.

Probiere das selbst aus: Beim nächsten Mal, wenn dir ein „ich darf“ über die Lippen oder in den Text will, halte kurz inne und frage dich: Geht es dir wirklich um eine Erlaubnis oder im Grunde um eine Fähigkeit, die du längst besitzt? Ich bin sicher: Meistens wird deine Antwort lauten: Du kannst.

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Frau vor Efeuwand schaut durch das Fingerloch ihrer rechten Hand und lächelt

Lesen wir uns? Ich freue mich darauf!

Mit KREativen Grüßen

Gabi


Frau schaut durch Herzrebe, daneben steht "Liebe, die durch Worte strahlt"; Claim von Gabi Kremeskötter

Gabi Kremeskötter

Liebe, die durch Worte strahlt

Freie Rede Schreibworkshops Lektorat


Von Gabi Kremeskötter

Geb. 1966 in Pinneberg, wohnhaft in D-56841 Traben-Trarbach/Mosel/Rheinland-Pfalz, Dozentin für KREatives Schreiben, Lektorin & Korrektorin, Freie Rednerin für Trauungen, Kinderwillkommensfeste und Trauerfeiern, Autorin Juli Norden. Mehr zu mir und meinem Schaffen findest du auf meiner Über-mich-Seite.

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