Wie gestalte ich Nähe oder Distanz eines Textes?

Veröffentlicht am Kategorisiert in Korrektorat und Lektorat, Kreatives Schreiben
Eine in eine Kladde schreibende Hand mit Kugelschreiber

Schreibende wollen sich mitteilen. Egal wie fiktiv oder real die inszenierte Geschichte ist, die Erzählung soll eine Beziehung zum Leser schaffen. Beziehung ist eine Annäherung, ein Suchen und Finden, als würde der Autor oder die Autorin ihre Hand ausstrecken, um die Leserin zu berühren. Berührung entsteht, weil ich z. B. ähnliche Erlebnisse schildere oder Erinnerungen wachrufe, die meine Leserschaft assoziert mit eigenen. Ich kann Spannung aufbauen, die zum Weiterlesen motiviert; ich kann durch ausdrucksstarke Bilder, die ich mit Worten male, inspirieren.

Und ich muss mich entscheiden: Möchte ich als Autorin persönlich die Leserin ansprechen, direkt mit ihr in den Dialog eintreten oder eher unpersönlich meine Geschichte erzählen?

Als Verfasserin meiner Texte bestimme ich bewußt die Wirkung, die ich beim Leser erzielen möchte: eher distanziert, weil ich z. B. lediglich informiere, als Chronist oder als reine Beschreiberin einer Szene. Oder aber durch Nähe, die ich herstelle, damit sich meine Leserin mit der Situation identifiziert, sich hineinversetzt und somit zu einem gewissen Maße Teil meiner Erzählwelt wird. Nähe und Distanz: zwei wesentliche Bestandteile des Schreibens, die ich durch die Wahl meiner Erzählweise bewußt anlege und mit Absicht ausgestalte.

Entwicklung des eigenen Schreibstils

Doch reden wir an dieser Stelle zunächst über Stil. Stilmittel beim Schreiben. Am Anfang steht das Verständnis von Grammatik und Rechtschreibung, denn nur ein korrekter Text lädt zu leichtem Lesen ein. Als Autorin oder Autor möchte ich erreichen, dass meine Leserschaft dem Geschriebenen gerne folgt. Sich durch angenehmes Lesen in die Geschichte hineinziehen lässt, ohne von formalen Störeffekten wie holpriger Sprache, langweiligem Ausdruck oder fehlendem roten Faden mitten drin, oder gar bereits am Anfang, aus der Erzählung auszusteigen. Vor jeder Veröffentlichung steht daher die Überarbeitung des Textes in Sachen Lektorat und Korrektorat. Den Unterschied habe ich schon früher in einem Blogartikel beschrieben. Insbesondere bei längeren Texten empfehle ich die professionelle Arbeit eines objektiven Lektorats und Korrektorats.

Alle Schreibenden entwickeln mit der Zeit ihren eigenen Stil, begründet durch Erfahrung und konstruktive Kritik; aber auch das eigene Vokabular, die soziale Prägung und Fachthemen tragen zur Ausbildung des Schreibstils bei.

Wie ziehe ich als Autorin einen Lesenden am Besten in meine Geschichte hinein? Ich persönlich bin für Nähe, dem reinen Wortsinne „etwas nahe bringen“ folgend. Und damit bin ich beim eigentlichen Thema meines Beitrags: Nähe und Distanz und wie ich sie in einer Erzählung rein stilistisch installiere.

Beispiele für Distanz im Text

„Er drehte sich um. Sein Mantelkragen war hochgestellt, man sah ihm förmlich an, wie unwohl er sich fühlte. Es regnete seit Tagen, die Pfützen auf dem Weg bildeten immer größere, zusammenhängende Seenplatten. Seine Schritte beschleunigten sich, je weiter er sich von der beleuchteten Innenstadt entfernte. Er verlor sich in der nass-kalten Dunkelheit und begann sich zu fragen, ob man ihn in dieser Gegend wohl vermutete. Sein Auftrag war klar umrissen: es galt, die Beweise zu verstecken, die man mit ihm in Verbindung bringen konnte. Wann würde es enden? Wo würde es enden? Wie würde es enden?“

Diese Textpassage mag als Beispiel dienen, wie die Autorin oder der Autor maximale Distanz aufbaut. Durch den unpersönlichen Schreibstil wird der Leser als reiner Betrachter aus der Situation draußen gehalten und dennoch mit den nötigen Informationen versorgt. Die Leserin kann aus sicherer Entfernung dem Gang der Dinge folgen. Ist diese Art der Distanz gewollt vom Autoren: okay! Doch wie könnte ein Text packender, persönlicher, direkter formuliert werden, um die Leserschaft quasi zwingend und unmittelbar zu beteiligen? Schwer ist das nicht, bedarf dies lediglich dem aktiven Umformulieren, aus Distanz wird Nähe:

Beispiele für Aufbau von Nähe

„Ich drehte mich um. Mein Mantelkragen war hochgestellt, man sah mir förmlich an, wie unwohl ich mich fühlte. Seit Tagen fiel Regen, die Pfützen auf dem Weg bildeten immer größere, zusammenhängende Seenplatten. ich beschleunigte meine Schritte , je weiter ich mich von der beleuchteten Innenstadt entfernte. Ich verlor mich in der nass-kalten Dunkelheit und begann mich zu fragen, ob man mich in dieser Gegend wohl vermuten würde. Mein Auftrag war klar umrissen: ich musste die Beweise verstecken, die man mit mir in Verbindung bringen konnte. Wann würde es enden? Wo würde es enden? Wie würde es enden?“

Die personale Erzählperspektive, ausgestaltet als Ich-Perspektive, ist die direkteste Art, meinen Protagonisten durch den Leser begleiten zu lassen. Die Ich-Erzählerin schafft unmittelbare Nähe, als säße die Leserin ihr auf der Schulter, ein 1:1-Empfinden sozusagen. Der Protagonist gibt als ICH seine Empfindungen preis, beschreibt all das, was er sieht und erlebt.

Was ich regelmäßig thematisiere: „es“ und „man“

„Es“ hat seine Berechtigung

Ja, endlich. Alle Schreibenden, die schon mit mir gearbeitet haben, wissen, dies ist ein wirkliches Lieblingsthema von mir: die scheinbar kleinen Worte „es“ und „man“. Die trotz ihrer Kürze jedoch eine überaus große Wirkung erzeugen. Und hier spreche ich von ihrer Wirkung, wenn ich sie weglasse!

Rein grammatikalisch betrachtet hat zumindest das Wort „es“ ein klare Berechtigung. Immer dann, wenn ich von Dingen erzähle, z.B. dem Baby, einem Phänomen, dem Wetter, kann ich diese Substantive, die als grammatisches Geschlecht (Genus) Neutrum sind, durch ein „es“ ersetzen. Das ist unumgänglich, um ständige Wortwiederholungen zu vermeiden und absolut korrekt.

Beschreibe ich im Gegensatz jedoch Situationen, ist die Ausdruckskunst der Autorin gefragt. Einfach wäre, eine unbestimmte Situation mit „es“ zu beschreiben, z. B. „es war kalt, als ich zur Türe hinaus trat“ oder „es gelang mir nicht, auf Anhieb den Schlüssel in das Schloß zu stecken“. Diese Formulierungen sind jedoch stilistisch gesehen weniger ausdrucksstark, wirken oft schwammig und ohne tieferen Inhalt. Besser wäre „das Thermometer zeigte nur wenige Grad über Null an, ich schlug den wärmenden Mantelkragen hoch“ oder „meine Hände zitterten und der Schlüssel fand erst beim dritten Versuch das Schloss“.

Ich meine: „man“ ist vollkommen unnötig

Das kleine Wörtchen „man“ ist aus meiner Sicht vollkommen unnötig. Zumindest wenn ich mich in meinem Text fernab von Distanz, Unpersönlichkeit und Verallgemeinerungen bewegen möchte. Dieses Wort ist immer und überall durch Inhalt ersetzbar, durch Vielfalt in der Formulierung und sprachlichen Stil.

Schauen wir daher mein Textbeispiel von vorhin dahingehend noch einmal genau an, ich kann in dieser Passage komplett auf „es“ und „man“ verzichten. Spüre gern einmal selbst nach, wie diese Sequenz nun auf dich wirkt:

„Ich drehte mich um. Mein Mantelkragen war hochgestellt, sicher war mir förmlich anzusehen, wie unwohl ich mich fühlte. Seit Tagen fiel Regen, die Pfützen auf dem Weg bildeten immer größere, zusammenhängende Seenplatten. ich beschleunigte meine Schritte , je weiter ich mich von der beleuchteten Innenstadt entfernte. Ich verlor mich in der nass-kalten Dunkelheit und begann mich zu fragen, ob ein Verfolger mich in dieser Gegend wohl vermuten würde. Mein Auftrag war klar umrissen: ich musste die Beweise verstecken, die mit mir in Verbindung gebracht werden konnten. Wann würde meine Flucht enden? Wo würde ich mich wiederfinden? Wie würde meine Zukunft aussehen?“

Mein Fazit zu Nähe und Distanz, zu „es“ und „man“

Mein Fazit möchte ich wie folgt kurz zusammenfassen:

Nähe und Distanz der Leserschaft zum verfassten Text wird bewußt und aktiv erzeugt. Durch die Wahl der Erzählperspektive und durch ihren eigenen Schreibstil legt die Autorin und der Autor von vornherein die Wirkung seiner Texte fest. Sie ist somit frei von Zufall jeglicher Art und lässt sich durch aufmerksames Lesen und Schreiben lernen.

„Es“ als Platzhalter für neutrale Substantive zu nutzen ist angebracht und legitim; „es“ für unbestimmte Situationen zu nutzen, langweilig und ausdrucksarm. Die bewußt formulierende Autorin wird eine bessere Wortwahl finden und nutzen.

Das vollkommen unpersönliche „man“ ist nur in bewußt distanzierten Erzählsituationen angebracht. Dieses Wort schafft eine Entfernung des Lesenden zum Geschehen, mag für Hintergrundinformationen oder chronologischen Aufbau nutzbar sein, ich persönlich vermeide diesen Begriff weitestgehend und empfehle eindeutig alternative Wortwahl.

Ich hoffe, mit diesem Beitrag ein wenig dazu beitragen zu können, dass insobesondere Neu-Autorinnen und -Autoren die Vielfalt der Sprache mit ihren oftmals kleinen Platzhaltern neu entdecken und für sich nutzbar machen.

Auch hoffe ich, bis auf wenige Ausnahmen, die Worte „es“ und „man“ nur noch in deutlich reduzierter Auflage in Fremdtexten wiederzufinden:-)

Wie stehst du zu den kleinen Worten „es“ und „man“? Hinterlasse mir deine Meinung gern in den Kommentaren!

Oder haben dir meine Ausführungen Lust gemacht „auf mehr“?

Dann abonniere gern meinen Newsletter und ich halte dich auf dem Laufenden zu meinem Blog, angebotenen Kursen und meinen sonstigen Aktivitäten:

Natürlich kannst du mit mir auch über eine E-Mail direkt mir in Kontakt treten, ich antworte dir gern!

Ich wünsche dir eine gute Zeit voller Kreativität und Inspiration,

Deine Gabi


2 Kommentare

  1. Liebe Gabi,
    Nähe und Distanz in meinen Texten ist mein ständiges Thema. Noch eben habe ich mit meiner Blog-Buddy darüber gesprochen, wann uns Nähe leicht fällt und wann sich (m)eine (ungewollte?) Distanz in die Texte schleicht. Danke vor allem für deine erhellenden Beispiele.
    Viele Grüße Ulla

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert