Angst vor Gruppen: Was mir das Herzberg-Festival über das Alleinsein zeigte

Veröffentlicht am Kategorisiert als Kreatives Schreiben, Persönliches
Arm mit Bändchen des Herzberg-Festivals 2026 und Blume "Glück ist jetzt", daneben der Schriftzug: "Angst vor Gruppen: Was mir das Herzberg-Festival über das Alleinsein zeigte"

Angst hat viele Facetten. Ich kenne sie gut. Angst vor Abhängigkeit, Angst vor fremden Menschen, Angst vor dem Verlust der finanziellen Existenz, Angst vor dem Verlassenwerden, um nur ein paar zu nennen.

Der Zwilling von Angst ist Mut. Mein Mut, der mit meiner Angst einher geht, denn ich versuche immer wieder, mich nicht von Angst beherrschen zu lassen. Das gelingt nicht immer, sie hält mich ab von dem einen und anderen. Doch Stück für Stück nehme ich eine Herausforderung an. Diesen Sommer stellte mich das Herzberg-Festival vor genau diese Angst – allein, ohne eine Menschenseele zu kennen.

Warum schreibe ich öffentlich darüber? Womöglich helfen meine Gedanken und Erfahrungen auch dir, den Mut zu finden, deine ganz eigene Angst zu überwinden …

Angst vor Gruppen: Was mir das Herzberg-Festival über das Alleinsein zeigte

Ich sehne mich nach Gruppen, die Zusammenhalt spiegeln und Zugehörigkeit ausstrahlen – gleichzeitig machen sie mir Angst.

Einzelpersonen begegne ich vollkommen angstfrei, denn sie stehen ebenso allein und ungeschützt im Raum wie ich.

Treffe ich auf eine existierende Gruppe, bin ich die Dazukommende: beäugt, eingeschätzt, zutiefst verunsichert.

Allein, ohne eine Menschenseele zu kennen, bin ich zum Herzberg-Festival gefahren: aus Trotz, und weil ich es mir selbst nicht mehr erlaubte, einen Rückzieher zu machen.

Alleinsein schafft Raum für selbstbestimmte Gemeinschaft – und wenn sie sich nicht einstellt, bin ich mir selbst die beste Gesellschaft.

Meine Herausforderung des Sommers

Meine Aufgabe lautete: Allein, ohne eine Menschenseele zu kennen, zum Herzberg-Festival fahren. Warum und warum allein?

Wie so oft im Leben, kam auch diese Herausforderung zu mir, ohne dass ich sie mir ausgesucht habe. Ich möchte an dieser Stelle nicht über „Das Leben wirft dir vor die Füße, was dich weiterbringt“ philosophieren, sondern mich einzig und allein darauf konzentrieren, meine Angst „allein unter Fremden“ zu betrachten.

Zuhause ist mein sicherer Raum

Mein Zuhause, örtlich betrachtet als auch emotional, ist mein sicherer Raum. Hier kenne ich alles, weiß mit den Reaktionen meiner Freunde und Familie sicher umzugehen. Hier kann ich so sein, wie ich bin. Mal hochgradig glücklich, dann wieder zutiefst traurig, wütend, verletzt oder etwas irgendwo dazwischen.

Angst macht mir das Draußen

Rausgehen aus meiner sicheren Höhle, die mich schützenden Mauern hinter mir lassen, macht mir Angst. Nicht immer, aber sehr oft. Zusammen mit mindestens einer mir bekannten Person ist das einfacher.

Vielfach sogar leicht, wenn ich mich dem, was mich draußen erwartet, in Begleitung stellen muss; weil ich Sicherheit spüre, wenn jemand, dem ich vertraue, an meiner Seite steht, mein Anker ist im Dort.

Dabei bin ich durchaus gesellig und kommunikativ, komme leicht ins Gespräch mit anderen, so sie denn nicht als in sich geschlossene Gruppe auftreten. Einzelpersonen begegne ich vollkommen angstfrei, denn sie stehen ja dann ebenso allein und ungeschützt im Raum wie ich.

Welche Gruppen machen mir Angst?

Wir kennen die unterschiedlichsten Gruppen. Nicht alle schrecken mich. Diese hier jedoch sehr wohl:

  • Gruppen, die Zusammenhalt spiegeln, in den ich nicht einbezogen bin.
  • Gruppen, die Zugehörigkeit ausstrahlen, nach der ich mich sehne.
  • Gruppen, die komplett sind und mich nicht brauchen.

Stets, wenn ich einer solchen begegne, frage ich mich: Möchte ich Teil dieser Gruppe sein? Eine Clique haben, einen festen, vertrauten größeren Bekanntenkreis?

Die sicherste Gruppe ist meine Familie

Ganz oben steht meine Familie. Diese Menschengruppe, die sich durch Blutsbande gebildet hat, ist meine Heimat. Wir sind offen, sehr offen; wir nehmen auf, geben jedem seinen Raum und heißen ihn und sie willkommen. Das werden alle neu hinzugekommenen Freunde und Freundinnen der Kinder, Schwiegereltern und Verschwägerte berichten, so jemand sie danach fragt.

In diesem geschützten Raum bin ich aufgewachsen, erwachsen geworden und spüre unverbrüchliche Zugehörigkeit. Warum gelingt mir das dann nicht in anderen Gruppen? Was nicht heißt, dass ich nicht für eine gewisse Zeit weiteren Gruppen angehörte …

Gruppen, deren Teil ich war oder bin

Ich war früher im Sportverein, habe Karneval ausprobiert, sogar in einer Showtanz-Gruppe, war in mehreren Urlauben mit anderen Motorradfahrern, über zehn Jahre aktiv in einem regionalen Verein für Kultur, habe mich in einen Salsa-Kurs eingebucht und bin seit mehreren Jahren Schatzmeisterin des Literaturwerks Rheinland-Pfalz-Saar e.V.

Wie ich persönlich Gruppen unterscheide

Gruppen sind für mich jedoch nicht gleich Gruppen. Für meine Betrachtung möchte ich zwei Arten von Gruppen unterschieden:

Existierende Gruppen

Damit meine ich Gruppen, die sich gründeten, bevor ich auf sie aufmerksam wurde. Die Mitglieder:innen kennen sich schon länger, haben eine gemeinsame Vergangenheit. Bauten Bindungen auf, die zurückreichen, blicken auf gemeinsame Erfahrungen zurück, die sie zusammenschweißen und stärken.

Meine Zurückhaltung in existierenden Gruppen

Treffe ich auf solch eine existierende Gruppe, bin ich die Dazukommende, die aufmerksam beäugt, betrachtet und eingeschätzt wird. Die unbekannt, womöglich auch anders ist und kritisch beurteilt wird.

Auch wenn die Gruppenmitglieder nicht wirklich bewusst eine Art Aufnahmeprüfung mit mir vornehmen, bin ich dennoch zutiefst verunsichert. Bin stumm, schüchtern, zurückhaltend. Fremd, sie mir, ich ihnen.

Ich brauche Zeit, erst einmal zu beobachten; möchte nicht auffallen, suche mir schützende Ecken, deren Schatten mich unsichtbar machen und Raum geben, mich langsam zu orientieren. Wer sind die Tonangeber:innen, wer steht in der Mitte und wer drum herum? Wie und wo könnte ich hinpassen?

Diese Gedanken beschweren mich, machen mich unsicher, wecken Fluchtgedanken á la „Was mache ich hier eigentlich, was will ich hier?“ Nur wenn mein Wunsch sehr groß und stark ist, mit der Gruppe zu interagieren, finde ich den Mut zu bleiben.

Fühle mich jedoch stets nicht wirklich integriert, erlebe mich als Fremdling oder Anfängerin, ein Gefühl, das sich vehement hält und manchmal auch nach Jahren nicht legt. Sei es, weil andere viel länger dabei sind und ihre Autorität leben, oder weil ich selbst meine Fähigkeiten zu geringschätze.

Gruppen von Menschen, die sich zufällig finden

Mir liegt die zweite Art mehr: Gruppen von Menschen, die sich zufällig finden, weil sie für einen Zeitraum das gleiche Interesse haben. Wenn die Personen dann noch Einzelperson, quasi Gründungsmitglied der Gruppe sind, stehen wir alle auf der gleichen Stufe, gemeinsam am Startpunkt und gestalten aktiv den Umgang miteinander.

Das mag ich. Sehr sogar, da fühle ich mich von Anfang an zugehörig und mit spürbarem Selbstbewusstsein gut aufgehoben. Wir alle haben die gleichen Ausgangsbedingungen und können genau den Teil unserer Persönlichkeit zeigen und einbringen, der der Gruppe weiterhilft.

Alleinsein als Konsequenz der Angst vor Zurückweisung

Schlussendlich erkenne ich, dass mein Alleinsein die Konsequenz meiner Angst vor Zurückweisung ist. Das Erleben von Nicht-Zugehörigkeit hat mich so sehr geprägt, dass ich mich allein beim Gedanken einer möglichen Ausgrenzung, egal welcher Art, von einer Gruppe früher oder später abwende, die sich vor meinem Dazukommen begründete.

Lieber bin ich Teil einer eigenen, neuen Gruppe bisher Unbekannter, als mich allein, mitten unter sich Kennenden, wiederzufinden.

Mein Alleinsein ist mir willkommen

Alleinsein ist mir genau dann willkommen. Ist Schutz und Raum für meine Selbstbestimmung. Ich brauche Menschen, das steht außer Frage, aber welche das sind, suche ich mir selbst aus.

Eine Haltung durch mein Lebensalter und die damit einhergehende Erfahrung errungen? Mag sein, dass mancher das kritisch beäugt und mir attestiert: „Selbst schuld, wenn du dich nicht anpasst!“ Ich würde darauf im Stillen antworten: „Weil es mir besser damit geht.“

Mein Rückblick auf das Herzberg-Festival

Und wie war das nun unterhalb der Burg Herzberg „aufm Berch“? Ich war allein dort, habe allein geplant, mein Auto gepackt und bin hingefahren. Nicht, weil ich das von Anfang so wollte, sondern weil ein Mensch es sich eben anders überlegte, ich aber meine Karte hatte und der Trotz hochkam. Wenn nicht mit ihm, dann eben allein!

Ich tönte groß damit herum, brachte mich sozusagen selbst in die Position, keinen Rückzieher machen zu können, eben weil ich es laut herumerzählte.

Ankommen auf dem Herzberg

Und ich fuhr. Kam an. Hatte mit der einen und anderen Schwierigkeit zu kämpfen, insbesondere mein Handy und Auto forderten mich heraus. Doch fand ich sofort Menschen, mit denen ich sprechen und meine Sorgen teilen konnte. Die mich willkommen hießen, weil wir alle das gleiche Ziel hatten. In der langen Warteschlange fragte ich nach dem, was mich erwarten würde.

Angekommen auf dem Zeltplatz traf ich auf zwei befreundete Männer sowie zwei junge Frauen, die zusammen nach Herzberg gefahren waren, jedoch auch Einzelpersonen wie mich. Die ich direkt um Hilfe bat, weil der Herzberg-Gedanke mir das einflüsterte: Wir sind alle hier, weil wir etwas besonderes erleben wollen und weil Gemeinsamkeit sich durch das Festival selbst gründet.

Und ich konnte teilen, mich einbringen: Mein Sonnensegel für beschattetes Zusammensitzen, einen Teller voll mit Wassermelone als Erfrischung, Unterhaltung und das Gefühl, in den Vormittagsstunden eine eigene kleine Gruppe zu bilden, die sich berät, unterstützt und einfach eine gute Zeit zusammen verbringt.

Allein unterwegs auf dem Herzberg? Ganz leicht!

Die ersten drei Tage ging jedes Grüppchen seiner Wege, ich war allein unterwegs. Schaute und hörte hier und dort, wählte mein Programm höchst individuell, entschied, wann ich auf das Gelände ging und wann zurück. Was ich wo trinken und essen wollte. Suchte Schatten und Sitzplatz, wenn ich sie brauchte, war mit mir und den Bildern, die ich aufnahm, zufrieden.

Und wenn die Müdigkeit kam, ich satt war von Lautstärke und Eindrücken, zog ich mich zurück, musste auf niemanden Rücksicht nehmen. Das fühlte sich gut an! Selbstbestimmt und mir gerecht.

Alleinsein schafft Raum

Erst am letzten Tag wurde ich auch auf dem Festivalgelände Teil einer Gruppe: weil ich die Zeltplatzmenschen, zumindest die vier aus meiner direkten Nachbarschaft zu einer Gruppe vereinte, um ihnen mit einem Bier für ihre Unterstützung zu danken. Mich zu revanchieren für ihr Ohr, ihre Gesellschaft und Beistand.

So bin ich glücklich mit meiner Festival-Zeit, denn:

Alleinsein schafft Raum für selbstbestimmte Gemeinschaft und wenn sie sich nicht einstellt, bin ich mir selbst die beste Gesellschaft.


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Diesen Text habe ich übrigens im Rahmen meines laufenden Online-Kurses „Was in dir steckt: Deine Stimme. Dein Text. In 6 Wochen“ verfasst. Weil wir in einer Gruppe von nur drei Teilnehmerinnen schreiben, nehme auch ich jede Woche den Schreibimpuls auf. In der letzten Woche stand das Verfassen eines Essays im Mittelpunkt.

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Frau vor Efeuwand schaut durch das Fingerloch ihrer rechten Hand und lächelt

Und wie geht es dir mit Gruppen? Bist du Teil einer besonderen? Wenn ja, wie hast du den Zugang zu ihr gefunden? Kennst auch du die Angst des Alleinseins unter Fremden? Erzähl mir davon!

Mit KREativen Grüßen Gabi


Frau schaut durch Herzrebe, daneben steht "Liebe, die durch Worte strahlt"; Claim von Gabi Kremeskötter

Gabi Kremeskötter

Liebe, die durch Worte strahlt

Freie Rede Schreibworkshops Lektorat


Von Gabi Kremeskötter

Geb. 1966 in Pinneberg, wohnhaft in D-56841 Traben-Trarbach/Mosel/Rheinland-Pfalz, Dozentin für KREatives Schreiben, Lektorin & Korrektorin, Freie Rednerin für Trauungen, Kinderwillkommensfeste und Trauerfeiern, Autorin Juli Norden. Mehr zu mir und meinem Schaffen findest du auf meiner Über-mich-Seite.

1 Kommentar

  1. So toll, dass Du hingefahren bist! Hab mir das Festival eben angeguckt und kannte nix vom LineUp 🙈 Danke für Deinen Text über Angst und Gruppen, für mich ja so passend, seufz… Ganz liebe Grüße aus Wacken, Karin

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