Mein Geständnis: als Schreibende nutze ich nur eine Hälfte der Phantasie

Veröffentlicht am Kategorisiert in Autorin Juli Norden, Kreatives Schreiben
Frau lächelt in die Kamera mit Ausdruck "Tja, ist so!"
Tja, was soll ich sagen, es ist, wie es ist:-) Foto Carlotta Ostmann

Ich schreibe. Schreibe und veröffentliche Geschichten und Gedichte. Sogar zwei Bücher sind schon mit Hilfe meiner Tastatur entstanden (das zweite erscheint in diesem September, freu, freu). Ich leite Schreibkurse als Dozentin für Kreatives Schreiben, bringe somit auch andere in ihren Schreibflow durch meine Schreibimpulse. Und mache dann dieses Geständnis, dass ich nur die eine Hälfte der Phantasie nutze? Wie das zusammenpasst und in dieses Bekenntnis mündet, erzähle ich in diesem Beitrag.

Mein Geständnis und Ist-Zustand

Ja, ich gestehe wirklich: ich nutze nur die eine Hälfte der Phantasie. Die andere fehlt mir, und zwar die Vorstellungsgabe, mir fremde Personen auszudenken, mir neue Welten und Orte vorzustellen, irreale Situationen zu kreieren. Und dabei BIN ich kreativ! Kreativ im Umgang mit Sprache. Ich baue mit ihr Brücken vom Ich zum Du und Wir. Allerdings sind das immer real gebaute, denn Fantasy-Literatur oder Kriminalgeschichten, historische Romane und Co. sind nicht meine Welt. Mein Geständnis in Sachen Phantasie möchte ich im Folgenden präzisieren und zunächst der Ursache auf den Grund gehen.

Nur die halbe Phantasie und doch kreativ: was ist die Ursache?

Um für diesen Artikel herauszufinden, warum das so ist, habe ich mich schlau machen müssen. Denn auch das gebe ich zu: bisher habe ich diese Tatsache nicht hinterfragt. Sondern mich einfach damit abgefunden, mich als eher phantasielose Person wahrzunehmen und dennoch für meine Begriffe „kreativ“ zu sein.

Ich habe MEINE Geschichten aufgeschrieben, meine Erlebnisse, meine Gedanken dazu. Habe mich seit meiner Kindheit parallel zum eigenen Schreiben hemmungslos fremden Geschichten hingegeben; kein Buch war mir zu dick, um es nicht zu verschlingen, keine Fortsetzungsreihe zu lang, um nicht alle Bände von Anfang bis Ende zu lesen. Die fremden Welten ANDERER faszinieren mich. Ich bewundere vorbehaltlos die Ideen, die den Romanen zugrundeliegen, die erfundenen Szenerien, die sich mir darin auftun. Auch liebe ich gute Filme, egal, ob Komödien, Romanzen, Satiren, Science-fiction, Krimis oder Thriller.

Doch mir selbst so etwas ausdenken können? Keine Chance, never ever. Wo kommen nur die Ideen der Schriftsteller und Drehbuchautorinnen her? Diese Frage habe ich mir schon sehr oft gestellt, denn mir kämen sie nicht. Meine Suche nach einer Antwort begann also mit der Definition von Phantasie.

Die zwei Hälften der Phantasie: imaginativ und kreativ

Bilder bleiben mir sehr eindrücklich in Erinnerung, aus dem Kopf heraus kann ich diese sehr gut beschreiben. Verbal als auch schriftlich. Bilder, Szenen, Menschen mit allen Sinnen empfinden und diese Eindrücke so formulieren, als würden die Rezipienten selbst die Szene erleben, ist mein Talent, meine sprachliche Kompetenz. Und diese nennt sich in der Gehirnforschung „imaginativer Teil der Phantasie“. Die eine Hälfte der Phantasie.

Wer seine eigenen Eindrücke mit neuen kombinieren kann, Verknüpfungen anstellt und sich Weiteres dazu ausdenkt, zapft den kreativen Teil seiner Phantasie an, die andere Hälfte der Phantasie.

Warum manche Menschen beide Hälften der Phantasie besitzen, andere nur die eine oder andere Hälfte entwickeln, ist offenbar wissenschaftlich nicht geklärt. Fakt ist, es gibt solche und solche Menschen. Weder ist die Ausbildung der einen oder anderen Hälfte bewußt herbeizuführen, noch liefern Studien eindeutige Erkenntnisse darüber, ob sie erblich, sozio-kulturell oder gesellschaftlich geprägt ist.

Mir hat der Artikel von Fred Mast, Professor für Kognitive Psychologie an der Universität Bern in jedem Fall weitergeholfen, meinen Zustand nicht länger mit einer gewissen Minderbemitteltheit zu betrachten. Mein Geständnis, nur eine Hälfte der Phantasie zu nutzen, gar kein bedeutendes ist. Im Gegenteil, ich habe endlich meinen Frieden damit gemacht, dass mein Gehirn eben so arbeitet, wie es arbeitet. Und dass es das gut tut, jawohl!

Was bedeutet das für meine Zukunft?

Ich habe verstanden, dass die mir zur Verfügung stehende imaginative Phantasie nicht die vollkommene ist, jedoch eine sehr wertvolle. Betrachtete ich den Umstand der mir fehlenden kreativen Phantasie bisher als echtes Manko, bewerte ich dies endlich sehr selbstbewußt neu.

Denn

  • ich kann gut zuhören,
  • ich habe eine sehr gute Beobachtungsgabe,
  • ich kann detailreich erzählen und beschreiben,
  • ich finde die Geschichten „dahinter“, die schon immer da waren und nur darauf warten, von mir wahrgenommen und formuliert zu werden (was mir insbesondere bei meiner Tätigkeit als Freie Rednerin zum Vorteil gereicht)!

Mein Fazit: die besten Geschichten schreibt das Leben

Auch ohne über die kreative Hälfte der Phantasie zu verfügen, ist Kreatives Schreiben ein mir gelingendes Abenteuer. Okay, ich füttere jetzt das Phrasenschwein, aber ich stehe dazu: die besten Geschichten schreibt das Leben! Daher schöpfe ich genau daraus, aus meinem eigenen und dem von Anderen erzählten Leben. Meine Figuren und Themen sind durch das real Existierende inspiriert und das finde ich gut so:-)

Ich habe endlich meinen Frieden gefunden. Warum soll ich eine Geschichte konstruieren, wenn ich doch aus Erlebnissen schöpfen kann durch einfaches Zusehen, Merken und Nacherzählen? Und hier benutze ich den Begriff „Schöpfen“ im reinen Wortsinn: etwas schöpfen, erschaffen, extrahieren. Wem das einfallslos oder langweilig erscheint, der möge sich gern meine Texte ansehen. Für wahre Erzählkunst reicht auch die halbe Phantasie. Sie blüht auch ohne phantastische Inhalte in allen zur Verfügung stehenden Farben.

Nichtsdestotrotz bewundere ich uneingeschränkt all diejenigen Schriftstellerinnen und Autoren, die eine neue, fremde Welt kreieren, Phantasiewesen erfinden und diesen Leben einhauchen. Kreatives Schreiben ist ein unerschöpflicher Ideen-Kosmos, der für alle Schreibwilligen anzapfbar ist, ist das nicht großartig?

Vier Bücher mit Veröffentlichungen von der Autorin Juli Norden
Meine bisherigen Verlags-Veröffentlichungen als Autorin Juli Norden

Und wie ist das mit dir? Welcher Phantasietyp bist du? Ich bin neugierig, wirklich! Erzähl mir von dir und deinen Erzählwelten, lass uns in den Austausch gehen. Ich freue mich über deine Nachricht, entweder per E-Mail oder hier als Kommentar weiter unten.

Mit phantasievoll-kreativem Gruß,

Gabi.


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7 Kommentare

  1. Liebe Gabi, Dein Geständnis trägt sicherlich dazu bei, dass Du als Expertin einen guten Weg gefunden hast, die Dir fehlende Hälfte der Phantasie so zu kompensieren, dass Du dennoch super spannende Geschichten, Bücher und Gedichte schreibst. Das ist sicherlich für potentielle Kund/innen, die z.B. bei Dir Kurse zum Kreativen Schreiben machen sehr ermutigend. Finde ich sehr gelungen, insbesondere auch Dein klares Statement am Ende: „Ich weiß, was ich kann, was ich will und was ich schon erreicht habe … und so mache ich auch in Zukunft weiter.“ Prima, ich freue mich auf weitere spannende Blog-Beiträge von Dir. Liebe Grüße Heike

  2. Liebe Gabi, freut mich, dass du deinen Frieden gefunden hast mit dem Thema! Und dein Fazit «die besten Geschichten schreibt das Leben», sagt für mich schon alles: Du bist die, bei der die Geschichten eine Heimat finden, weil da noch Platz frei ist bei dir in der «anderen Hälfte der Phantasie». Passt für mich alles wunderbar zusammen. Ich selbst bin eher ein Phantasietyp, bei dem nicht mehr viel Platz für «fremdes», anderes bleibt. Meine Ideenwelt nimmt mich vollkommen gefangen und als 24-Stunden-Träumerin bin ich ständig «auf Trab». Beim Wertetest kam die Fantasie bei mir auf den 2. Platz (zusammen mit der Kreativität). Siegerin war die Neugier, da haben wir wohl was gemeinsam! (Da beziehe ich mich auf deine Aufforderung zum Kommentieren dieses Artikels). Gratuliere übrigens zum nächsten Buch! Herzlich, Susanne

    1. Liebe Susanne,
      danke für deine Nachricht! Ich freue mich, dass auch du das Thema dich dadurch reflektiert hast:-)
      Wow, 24h träumen… das muss ja ein grandioser Ideenrausch sein, der dich durch deine Tage und Nächte treibt:-))
      Herzlichst,
      Gabi

  3. Liebe Gabi,
    ist es nicht interessant, dass wir uns oft nach den Dingen, Qualitäten oder Möglichkeiten sehnen, die wir nicht haben? Und wo wir meinen ohne das sind wir nur eine Hälfte? Und was ist daran so wichtig ?
    Für mich hast du diese Fragen alle beantwortet. Du schreibst einfach gut, ich bewundere das sehr.
    Herzliche Grüße, Birgit

    1. Hallo Birgit,
      ja, da hast du Recht!
      Wir suchen oder vermissen das, was wir nicht haben, anstatt uns auf das zu konzentrieren, über das wir verfügen:-)
      Habe mich daher darüber gefreut, für mich diese Frage in Bezug auf meine Phantasie beantworten zu können!
      DANKE für dein Lob zu meinem Schreiben!
      Herzliche Grüße
      Gabi

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